Kein spezieller Ort, nirgends
Dr. Antonia Wunderlich, 2007
Anne Cichos zeichnet. Zeichnen ist für sie der Versuch, Erscheinendes und Vergehendes in dem Moment festzuhalten, in dem beide nicht mehr exakt voneinander zu trennen sind, als wenn sich der flüssige Raum kurzfristig zu einer Zeichnung verdichten könnte. In dieser Verdichtung tritt die Linie mit der Fläche in Dialog und behält doch immer ihre Eigenständigkeit – Negativ und Positiv, Fülle und Leere, Form und Nichts schließen sich nicht aus, konkurrieren nicht miteinander, sondern fordern sich gegenseitig in einem höchst konstruktiven Sinn heraus. So stellen die Zeichnungen Momentaufnahmen aus einem beständig andauernden Prozess von gleichzeitiger Verdichtung und Entleerung dar, dem Cichos achtsam folgt, um das ihm Wesentliche aufzufangen. Dieses nicht sichtbare und höchst flüchtige Wesentliche ist in den Zeichnungen nicht nur als Form, sondern gerade auch in dem enthalten, was im Allgemeinen als nicht sichtbar gilt: Bei Cichos ist die Leere nicht nur etwas Fehlendes, sondern ein eigenständiger Raum der Möglichkeiten.
So ist all das in ihren Zeichnungen bewusst gestaltet, was sonst, in der allgemein verbreiteten Sujetversessenheit, als Beiwerk gilt. Die Fortsetzungen der Linien über den Rand des Blattes hinaus ins Unendliche, die Unschärfe der nebligen Verwischungen und die Offenheit der Schraffuren, ja sogar der Bildraum zwischen Betrachter und Blatt – all diese Aspekte sind konstitutiver und konstruktiver Bestandteil von Cichos’ Zeichnungen. Vielleicht hat man deswegen dauernd wechselnde Raumassoziationen, wenn man vor ihren Arbeiten steht. Vielleicht sieht man deswegen geschlossene und offene Räume, Kisten, Häuser, Wege, Weiten und Grenzen, und fühlt sich trotz des großen Abstraktionsgrades in die Zeichnung hineinversetzt – genau hier, von diesem Punkt aus, sieht also der Raum genau so aus... Eine Seh-, eine Wahrnehmungsschule, sozusagen, die den Blick schärft.
Darin liegt die Besonderheit der Zeichnungen von Anne Cichos: Sie lassen die Betrachter teilhaben an der Konzentration, mit der die Künstlerin beobachtet. Cichos theoretisiert nicht, ihre Kunst ist nicht konzeptionell, sie sucht keine Einbindung in die Kunstgeschichte. Ihre Zeichnungen wollen nichts verkünden, keine Geschichten erzählen. Cichos lauscht vielmehr dem So-sein, den Zuständen, den Möglichkeiten des Raums, die sich uns nicht mitteilen, sondern in denen wir ganz selbstverständlich leben. Sie katalysiert aus diesen unter der Wahrnehmungsschwelle liegenden Phänomenen, so flüchtig sie auch sein mögen, mit großer Konzentration eine Sicht auf die Welt heraus, die sich nicht ansatzweise verbalisieren lässt. Die also gar nicht anders existieren könnte, wenn sie nicht in den Zeichnungen visualisiert würde. Und falls man doch versuchen sollte, eine Sprache zu finden, müßte man Leerstellen aussprechen können – und kann es doch nicht, verstummt also lieber und schaut. Es entstehen visuelle Fakten, die sonst nicht beobachtbar wären, Definitionen, die niemand festgelegt hat. Anne Cichos fängt Konstellationen in ihren radikalen Zeichnungen ein, die zugleich offen und klar sind, die beinahe vibrieren, so eng sind sie an die Atmosphäre eines Momentes gekoppelt.
Freiheit für Gedankenspiele »Zone blanche«:
Zeichnungen von Anne Cichos im Freiburger Kunstraum Foth
Eva Schumann-Bacia, 2014, Badische Zeitung
Hängen, sich hängen lassen. Ausatmen, schwingen, pendeln. So in etwa könnte unser Körper auf die Zeichnungen von Anne Cichos antworten: Den Schlaufen, die vom Bildrand her in die Mitte des Blatts baumeln, leicht zu schwingen scheinen, sich kreuzen und wie durch Adhäsion aneinander schmiegen. Grafitstaub, mal heller, mal dunkler, durch den Druck des Fingers, des Stifts, beim Ein- oder Ausatmen entstanden? Die Kordeln umgarnen uns, reizen zum Grenzübertritt ins Unbekannte, Namen- und Begriffslose, zum Erkunden des "weißen Flecks" auf der Landkarte der Kunstwahrnehmung.
Anne Cichos aus Köln ist zu Gast im Kunstraum Foth, eine Einladung, die auf die Kölner Zeit des Galeristen zurückgeht: "Endlich ist aus der langjährigen Freundschaft eine Ausstellung entstanden!" In der "Zone blanche" stehen wir dank präziser Hängung inmitten raffinierter Raumbezüge. Man fühlt sich seltsam angezogen, aber nicht behaglich, was das Wohlfühlen im Bekannten voraussetzen würde. Eher irritierend, wie hier die wie im Sturm aufgewirbelten Linien über die Blattränder stürmen. Da ein auf der Stelle tretendes, beherzt gesetztes Grafitzeichen, ein Innehalt wie bei den Schlaufen. Und dann wieder wüstes Durcheinander widerstrebender, sich widersetzender Striche, die kopfüber stolpern, sich verhaken, ein- und unterhaken und mit ungebremster Geschwindigkeit aus dem Bild rasen. Stege, Anker, Haken: an der Wand ein Durchdeklinieren von Möglichkeiten. Meist beherrscht die Linie die weiße Zone des Papiers. Sie kommt aus dem Nichts und verschwindet über den Rand hinaus. Sobald sie gesetzt ist, definiert sie Raum. Mit ihr wird in einem Umriss vielleicht Gegenstandswelt herangezoomt, aber sie verflüchtigt sich in die Leere des Raums. Ein belebtes All, Gedankenfetzen, wie Poesie, wie Lyrik, wo die abstrakte Form Inhalt verkürzt.
Mit einem Gedicht antwortete auch Leiko Ikemura, im Katalog von 2001 adäquat auf die Zeichnungen ihrer einstigen Assistentin. Wolkige Fingerprints wie gehauchtes Atmen, wenn die Linie der malerischen Verteilung von Grafitstaub weicht.
Wie macht Cichos das? Markus Foth kann es auch nicht erklären. Inseln heller Lichtpunkte schwimmen auf einem Meer feinkörnigen Grafitstaubs, Monets Seerosen? Hier Landschaft, da Zähne zwischen geöffneten Lippen? Zu viel Welt sollte man nicht hinein sehen: kein Abbild, kein Pathos, nichts Bekanntes, an dem der Blick andockt. Die Reduktion in die Abstraktion hat hier ihren ganz eigenen Reiz, den Reiz der Freiheit für Gedankenspiele. Unerwartetes geschieht. Die Kommunikation zwischen Betrachter und Bild ist von ganz individueller, privater Natur, wenn man irrlichternde Punkte zu einem Spiegelbild seiner selbst zusammensetzt. Cichos Zeichnungen sind an keine Sinnhaftigkeit gebunden, aber dennoch sinnlich. Und stark.
Leiko Ikemura
Text erschienen für und im Katalog »Anne Cichos - Zeichnungen«, 2001
Ein Strich ins Freie,
ein Punkt,
Spuren entsprungen aus dem Nichts,
befreit von Gedachtem,
zeichnen bis Alles vergessen wird,
entstehen Häuser, Wege,
noch nicht gesehene Bilder,
nur das bleibt, was uns wirklich nährt,
ein ewiges Anfangen,
weil man so erstaunt ist,
von diesem Nichts.
Eine Linie lang gezogen,
nicht wissend wohin,
Punkte, kurze Linien,
öffnen einen Raum,
zögernd taucht Landschaft auf,
ein Lichtraum,
um wieder am Beginn zu stehen,
vieles sagen wollen diese Linien,
dennoch plötzlich dieses Schweigen,
weil es um dieses Jetzt geht.
Apparat 21
Markus Meyer
aus: Markus Meyer. Strichtransporter. Die Zersetzung. Prolog.
Unveröffentliches Manuskript, Köln, 2002
linearität – netz
nicht fortschreiten, nicht einen fuß vor den anderen, sondern sich in bezügen bewegen: aus und in verschiedene richtungen, jeder schritt ein kreuzen. kein folgen der linien, kein vorwegdenken einer linie.
grenze – zugang
grenzen öffnen. nicht mehr grenzen ziehen, sondern zugänge schaffen. lineare ordnungen durch zugänge zersetzen, bis sie zu netzen geworden sind. sensibilität. zustände, niemals abgeschlossen, sondern auf nicht geordnete, vorhersagbare weise offen, kaperbar, benutzbar.
geschwindigkeit – schritttempo
geschwindigkeit: durch beschleunigung oder verlangsamung den zeichen die möglichkeit nehmen verstanden zu werden. sie zu geräuschen machen. ihnen die möglichkeit nehmen verarbeitet zu werden, berechnet zu werden, transportiert zu werden. statt transporten metamorphosen. während des weges den weg streichen, die vorgezeichnete linie.
überwachen – verkehren
nicht mehr überwachen, wer oder was wo hineinkommt, sondern verkehren (nicht verkehren lassen). keine lizenzen, erlaubnisse mehr geben, alle schreibstuben schließen, stattdessen abfahren und bewegen.
repräsentationen
nicht mehr repräsentieren. stattdessen ströme, straßen im kopf. alles kommt sehr nah, es gibt keine abstände mehr, sondern nur noch entfernungen, die nicht berechenbar sind.
© 2026 Anne Cichos
© 2026 Anne Cichos